Dresdner Premieren und Previews
Eine Reise durch Osteuropas Humorlandschaft
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Special: Eine Reise durch Osteuropas Humorlandschaft

„Grzegorz Brzęczyszczykiewicz“ antwortet der Pole dem deutschen Soldaten auf die Frage nach seinem Namen. Der Name verschmilzt in der Wahrnehmung des Deutschen zu einem einzigen langen Zischlaut und er krakelt ratlos etwas in sein Formular. Der Pole frohlockt still über die gelungene Demütigung seines Gegenübers. Das ist eine in Polen sehr populäre Filmszene aus „Wie ich den Zweiten Weltkrieg beendete“ (1969), ein hierzulande nahezu unbekannter Film.
Humor als Widerstand in ausweglosen Situationen ist nur eine Facette, was er bewirken und wie er sein kann. Komödien sind im Kino ein häufig anzutreffendes Genre, doch längst nicht alle diese Filme sind einfach „nur“ amüsante Unterhaltung. Natürlich sollen Komödien Spaß machen und uns zum Lachen animieren. Aber Humor kann sich auch ganz anders ausdrücken: bissige Satire, schelmische Erzählkunst, groteske Aufdeckung von Missständen, überdrehte Kultfilme oder einfach nur bitterböse und rabenschwarz.
Manchmal kann eine Komödie auch tragisch enden und uns bleibt von einem Moment zum anderen das Lachen buchstäblich im Halse stecken. Der Kreativität der Filmschaffenden sind keine Grenzen gesetzt. Schon so manche wagten sich mit Komödien an Tabuthemen und wurden von humorlosen Zensoren bestraft. Nicht nur Kritiker, auch das Publikum will von einer guten Komödie gewonnen werden. Lachen im Kinosaal ist eine dankbare Anerkennung, denn Humor gut rüberzubringen, ist eine Kunst.

Mit unserer diesjährigen Reihe wollen wir Sie zu einer Reise durch die Humorlandschaft Osteuropas einladen. Worüber lachen die Menschen in Russland, Polen, Tschechien, auf dem Balkan usw.? Endet Humor eines nationalen Hits an den eigenen Landesgrenzen oder ist Humor universell und wird auch von Nachbarn verstanden? Wie vielfältig und verschieden kann Humor sein? Eine allgemeingültige Antwort auf diese Fragen möchten wir Ihnen nicht vorgeben, sondern Ihnen mit unserer Filmauswahl Anreize geben, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Dazu präsentieren wir Ihnen einen vielgestaltigen Querschnitt von Komödien aus den Ländern Osteuropas. Bekannte Klassiker laden zu einer Wiederbegegnung ein, für einst verbotene Filmkunstperlen bieten sich seltene wenn nicht sogar einmalige Sichtungsmöglichkeiten, in der jüngeren Vergangenheit vielleicht verpasste Komödien kommen nochfalls zum Einsatz.

Mit lockeren Einführungen in den ländertypischen Humor Polens, Tschechiens, Russlands und Ex-Jugoslawiens laden wir Sie gemeinsam mit dem Institut für Slavistik besonders zu unseren beiden Humorabenden ein.

Der Feuerwehrball
(Horí, má panenko)
  Tschechoslowakei 1967, 73 min, OmU, Regie: Milos Forman

Ein pannenreicher Feuerwehrball in einer tschechischen Kleinstadt: Das Festkomitee will einen Ehrenhauptmann für seine Verdienste auszeichnen, eine Schönheitskönigin wählen und eine Tombola veranstalten. Aber der Abend gerät völlig außer Kontrolle. Der Saal ist brechend voll, die Kapelle spielt lautstark Blasmusik, der Alkohol erhitzt die Gemüter. Mitten in dieses Durcheinander platzt ein Feuerwehralarm und die angeschlagenen Männer müssen ausrücken.
Die grandiose Filmgroteske ist eine Demontage der gesellschaftlichen Ordnung, die seinerzeit nach drei Wochen Laufzeit aus den Kinos verschwand – die Verunglimpfung der Feuerwehrmänner ging der Kommunistischen Partei zu weit. Nach Ende des „Prager Frühlings“ wurde ein erneutes Kinoverbot verhängt und Milos Forman († 2018) emigrierte in die USA. Auch nach 1990 wurde „Der Feuerwehrball“ nur selten gezeigt.

Der Ausflug
(Rejs)
  Polen 1970, 65 min, OmU, Regie: Marek Piwowski

Ein Ausflugsdampfer auf der Weichsel. Ein blinder Passagier schleicht sich ein und wird vom Kapitän ertappt. Dieser verdonnert ihn statt Bestrafung dazu, spontan ein Kulturprogramm für die Passagiere auf die Beine zu stellen. Dabei werden die realsozialistischen Verhältnisse in Polen so sarkastisch dargestellt, dass der Film noch heute Lachsalven des heimischen Publikums hervorruft. Wenn man einen Menschen in Polen nach drei Filmen fragt, die definitiv Kult sind, wird er einen auf jeden Fall nennen: „Rejs“.
„Genaue Beobachtung und inszenatorisches Geschick zeichnen den ohne Drehbuch entstandenen Film aus, der, von der polnischen Zensur zunächst verboten, in einer gekürzten Fassung zur Aufführung kam. Da jedoch nur eine Kopie zur Verfügung stand, war er de facto kaum zu sehen. Der Film entwickelte sich zum Geheimtip, später zum Kultfilm.“ (Filmdienst)

Dienstag, 13.11. 19:30 Uhr zum Humorabend „Ausflug“ mit Einführungsvortrag und Filmausschnitten

HUMOR IST, WENN MAN TROTZDEM LACHT.
POLNISCHE UND TSCHECHISCHE FILMKOMÖDIEN.

Lauf, Ober lauf!
(Vrchní, Prchni!)
  Tschechoslowakei 1981, 88 min, dt. Fassung, Regie: Ladislav Smoljak

Ein Buchhändler macht sich im schicken schwarzen Anzug auf den Weg zum Abituriententreffen – und wird dort prompt mit einem Kellner verwechselt, zahlungswillige Restaurantgäste drängen ihm ihr Geld auf. Dieses anfängliche Missverständnis wird zur Masche und zum kriminellen Höhenflug, denn von nun an zieht der Mann von Kneipe zu Kneipe, kassiert die arglosen Gäste ab und bessert damit die Haushaltskasse zuhause auf. Bald macht die Meldung eines falschen Obers die Runde und zwingt den „Täter“ zu immer neuen Herausforderungen. Entrüstet ist ihm bald die ganze Kellner-Innung auf den Fersen.
„Lauf, Ober lauf!“ ist von jenem schelmischen, schwejkschen Humor durchtränkt, der vielen tschechischen Komödien eigen ist. Der Film sympathisiert mit seinen Figuren und unterhält auf wunderbar leichte und burleske Weise.

Das Blaue vom Himmel
(Голубые горы, или неправдоподобная история)
  Sowjetunion/Georgien 1983, 97 min, dt. Fassung, Regie: Eldar Shengelaia

Der junge Schriftsteller Sosso besucht zu allen vier Jahreszeiten ein „Literarisches Institut“ in der Hoffnung, für sein Buch einen Verleger zu finden. Doch die dort beschäftigten Kollegen haben alles andere zu tun als ihre Arbeit. Man spielt Schach, nimmt Sprachkurse und Maniküre und philosophiert über Weinanbau und Kindererziehung. Keiner hat Zeit, Sossos Buch zu lesen. Deshalb wird er immer wieder zum Direktor geschickt, aber der hat auch nie Zeit, weil er ständig auf wichtigen Konferenzen unterwegs ist. Doch der Lauf der Zeit verursacht Risse am Gebäude …
Was seinerzeit eine geniale Satire auf den bevorstehenden Untergang des Sozialismus war, erweist sich noch heute als allgemeingültige Parabel auf die trägen und zerstörerischen Mühlen der Bürokratie.

Die Besonderheiten der russischen Jagd
(Особенности национальной охоты)
  Russland 1995, 93 min, OmeU und OmU, Regie: Alexander Rogoshkin

Eine zaristische Jagdgesellschaft in edlen Gewändern reitet hoch zu Ross und von Hunden begleitet durch den Schnee. Der junge Finne Raivo träumt davon, eine so vielgerühmte Jagd selbst zu erleben und schließt sich ein paar Russen auf deren Jagdausflug an. Seine Begleiter sind nicht die hellsten Kerzen am Leuchter, der Wodka fließt in Strömen, außer Kuh und Bär will sich kein Tier blicken lassen. Doch Raivo lässt sich von der beginnenden Demontage seines Traums nicht beirren.
Über „Die Besonderheiten der russischen Jagd“ lachte seinerzeit ganz Russland und der Kultfilm zog mehrere Fortsetzungen nach sich. Der Humor ist derb und absurd wie seine Figuren. Nahezu ohne Plot kommt der Film als eine 90minütige trunkene Anekdote daher und zerstört das Ideal ruhmreicher Männlichkeit.

Donnerstag, 15.11. 19:30 Uhr zum Humorabend „Jagd“ mit Einführungsvortrag und Filmausschnitten

    IM PRINZIP WITZIG ...
LACHEN IM (POST-)SOZIALISTISCHEN RUSSLAND UND JUGOSLAWIEN

Schwarze Katze, weißer Kater
(Crna mačka, beli mačor)
  Serbien/Frankreich 1998, 127 min, OmU, Regie: Emir Kusturica

Es geht um große und kleine Gangster, um Paten, die ihre Töchter verheiraten wollen und Söhne und Töchter, die diesbezüglich anderer Meinung sind. Im familiären Durcheinander siegen die Liebe und das Gute. Und dem Bösen geht es im Finale ganz schön dreckig.
„Schwarze Katze“ ist ein Kultfilm, der diesen Namen verdient. Eine treffende Einschätzung lieferte TV-Movie: „Anfangs sitzt der westeuropäische Zuschauer mit offenem Mund im Kino und staunt über die absurden Charaktere, die hässlichen Gesichter, die groteske Geschichte. Und so soll es in Europa zugehen? Doch spätestens nach einer halben Stunde hat Kinomagier Kusturica den Zuschauer in seinen Bann gezogen. Man will sofort an die Donau ziehen und ein Zigeunerleben führen. Ein verrückter Film, der einem warm ums Herz werden lässt.“

Eine Hochzeit und andere Kuriositäten
(Wesele)
  Polen 2004, 109 min, OmU, Regie: Wojciech Smarzowski

Der festlichste Tag im Leben von Kasia und Janusz steht an. Das junge Paar will heiraten. Der Vater der Braut möchte seiner Tochter einen unvergesslichen Tag bescheren. Im Einklang mit der polnischen Tradition wird die Feier zur öffentlichen Demonstration des Wohlstands. Während der Alkohol die Stimmung anheizt, gerät das Fest immer mehr außer Kontrolle. Die Kapelle verweigert den Dienst, das Essen ist ungenießbar und schließlich taucht auch noch die wahre Liebe der Braut auf.
Die polnische Erfolgskomödie, temporeich, mit spöttelndem Unterton und klugen Pointen, brach im eigenen Land Rekorde und wurde ein Hit. Newcomer Wojciech Smarzowski verulkt in dem schrillen Spaß das postkommunistische Polen und ballt augenzwinkernd reihenweise Klischees über seine Landsleute zusammen.

Stille Hochzeit – Zum Teufel mit Stalin
(Nunta Muta)
  Rumänien/Frankreich 2008, 87 min, OmU, Regie: Horatiu Malaele

Rumänien 1953: In einem Dorf steht ein junges Paar kurz vor seiner Hochzeit. Die Gäste treffen ein, das Bankett ist vorbereitet und alle freuen sich auf die Zeremonie. Doch plötzlich taucht eine sowjetische Militärdelegation im Dorf auf: Stalin ist tot, es herrscht eine einwöchige Staatstrauer und sämtliche Feierlichkeiten müssen sofort unterbunden werden. Doch das Dorf sträubt sich. Gegen alle Widerstände wird gefeiert und zwar stumm! Gar nicht so einfach, wenn der Alkohol fließt...
Malaele präsentiert ein Kuriositätenkabinett, das mit seinen einzigartigen Charakteren einem Film von Kusturica oder Fellini entsprungen sein könnte. Dabei finden hier geballte Lebenslust und tiefste Melancholie ebenso ihren Platz wie sexuelle Freizügigkeit, übermäßiger Alkoholgenuss und handfeste Raufereien.

Die Parade
(Parada)
  Serbien/Kroatien/Slowenien/Makedonien 2011, 115 min, OmU, Regie: Srdjan Dragojevic

Limun besitzt eine Sicherheitsfirma in Belgrad, ist Kriegsveteran und dazu höchst homophob. Seine Verlobte Pearl steckt mitten in den Hochzeitsvorbereitungen, ihr Hochzeitsplaner ist der schwule Mirko. Frustriert von Limuns schwulenfeindlichen Beschimpfungen, will Mirko den Job schon schmeißen, als Pearl ihrem Verlobten ein Ultimatum stellt: Mirko muss bleiben und sie heiratet nur, wenn Limuns Firma die von Mirko und seinem Freund organisierte Gay-Pride-Parade beschützt. Widerstrebend willigt Limun letztendlich ein und beginnt, gemeinsam mit dem schwulen Pärchen, für die Rechte von Homosexuellen zu kämpfen…
Politisch völlig inkorrekt und dabei rasend komisch, stellt die Komödie Klischees auf den Kopf und macht den Film durch grandiose Dialoge und ein sicheres Gespür für Situationskomik zu einem großen Vergnügen.

Rette sich wer kann
(Полосатый рейс)
  Sowjetunion 1961, 84 min, dt. Fassung, Regie: Wladimir Fetin

Publikumsrenner waren sowjetische Filme in der DDR nicht gerade. Doch es gab auch Ausnahmen. Als dieser Film 1962 in die Kinos kam, musste unbestätigten Gerüchten zufolge mancherorts polizeiliche Unterstützung angefordert werden, um den Publikumsandrang zu regulieren. Seitdem haben Millionen und mehrere Generationen sich amüsiert über „die durchtrainierten Körper der Schwimmer in den gestreiften Badeanzügen“ in einer der lustigsten Komödien der Filmgeschichte.
Ein schlitzohriger Handelsvertreter ergattert sich eine Heimreise auf einem Frachter, indem er behauptet, Tierbändiger zu sein und die Verantwortung für die Fracht übernimmt. Die besteht aus einem Dutzend Tiger und Löwen. Als ein als blinder Passagier an Bord gelangter Affe die Käfige der Raubkatzen öffnet, heißt es an Bord nur noch: „Rette sich wer kann“.