Dresdner Premieren und Previews
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Kinder-/Familienfilm
Die Maske
(Twarz)
  Polen 2018, 91 min, OmU, Regie: Małgorzata Szumowska

Eröffnungsfilm – präsentiert von der Ostsächsischen Sparkasse Dresden

Jacek liebt Heavy Metal und seinen Hund. Die Feldwege vor der Haustür funktioniert er zur Rennstrecke um, die er mit seinem kleinen Auto entlangbrettert. Wenn er mit Freundin Dagmara die Tanzfläche betritt, gehen alle anderen sofort in Deckung. Er genießt das Dasein als cooler Außenseiter in einem ansonsten eher spießigen Umfeld. Die Muskeln trainiert er bei seiner Arbeit auf einer Großbaustelle nahe der polnisch-deutschen Grenze, wo die größte Jesusstatue der Welt entstehen soll.
Doch ein schwerer Arbeitsunfall lässt sein Leben aus dem Groove geraten. Vollkommen entstellt, wird an Jacek unter reger Anteilnahme der polnischen Öffentlichkeit die erste Gesichtstransplantation im Land vollzogen. Als Nationalheld und Märtyrer gefeiert, erkennt er sich im Spiegel selbst nicht wieder. Die Jesusstatue aber wird immer höher und höher. Während sich die Ereignisse rund um Jacek überschlagen, behält der Film die Übersicht, lauscht auf die Stimmung im Land und scheint das Kameraobjektiv noch schärfer zu stellen. Was macht Identität aus? Was ist vertraut, was ist fremd? Auf unverkrampfte Weise stellt „Die Maske“ drängende Fragen, die uns auch dann noch beschäftigen, wenn der Kinovorhang gefallen ist. Małgorzata Szumowska („Body“) erzählt die Geschichte im Polen von heute, tiefgründig, spöttisch und im besten Sinne unterhaltsam. Großer Preis der Jury auf der Berlinale 2018.

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Jupiter's Moon
(Jupiter Holdja)
  Ungarn/Deutschland/Frankreich 2017, 123 min, OmU, Regie: Kornél Mundruczó

Aryan ist einer von tausenden syrischen Flüchtlingen, die sich in Europa ein besseres Leben versprechen. Zusammen mit seinem Vater wagt er die gefährliche Überfahrt – doch in Ungarn ist Endstation. Bei der Grenzwache wird er vom Polizisten Lazlo niedergeschossen. Darauf geschieht Wundersames: Aryan stirbt nicht etwa an seinen schweren Schusswunden, sondern erhebt sich und fliegt scheinbar schwerelos durch die Luft. Im nahe gelegenen Flüchtlingslager sucht Aryan nun seinen Vater, trifft dort aber auf den zynischen Arzt Dr. Stern, der schon lange den Glauben an das Gute im Menschen und im Leben verloren hat. Er wittert in Aryans Kräften das große Geld und beschließt, ihn für seine Zwecke auszunutzen, indem er ihn vor reichen Patienten als Beispiel für eine Wunderheilung präsentiert. Derweil macht Laszlo, der Angst hat, Aryan könnte ihn wegen des unrechtmäßigen Schusswaffeneinsatzes verraten, Jagd auf den Wiederauferstandenen ...
Eigentlich sollte man nicht zu viel in einen Film packen. Regisseur Kornél Mundruczó (seine Allegorie „White God“ eröffnete 2014 unsere Filmtage) schert sich allerdings wenig um solche Regeln und präsentiert einen zeitweile bizarren Genremix, der von Flüchtlingsdrama über SciFi-Actionthriller bis zum Charakterdrama geht. So ein Experiment kann eigentlich nur schiefgehen. Tut es allerdings nicht.

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TodMachine
(TodMachine)
  Polen 2017, 98 min, ohne Dialog, Regie: Bogusław Kornaś

Eine namenslose Stadt in schwarz-weiß, in der Mitte eine große Fabrik. Der Feind steht schon vor den Toren, aber es gibt noch eine letzte Hoffnung: die MASCHINE. An ihr wurde jahrelang herum getüftelt, sie könnte in letzter Sekunde die siegbringende Waffe sein. Aber sind ihre Schöpfer in der Lage, die Kräfte zu kontrollieren, die sie entfesseln? Denn ihre Maschine birgt etwas ganz Besonderes – ein Herz!
Ohne großes Budget, dafür aber mit umso mehr Liebe und Leidenschaft hat Bogusław Kornaś mit einigen Enthusiasten über mehrere Jahre in Kleinarbeit einen Stummfilm gedreht. „TodMachine“ lässt nicht einfach nur die Mikrofone weg, sondern ist in Inhalt und Form eine pure Hommage an das deutsche expressionistische Kino und seine Optik, Technik, narrative Eigenheiten und Stoffe. Großen Vorbildern wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“, „Nosferatu“ und natürlich „Metropolis“ wird hemmungslos gehuldigt. Bis ins kleinste Detail werden Trademarks des Zwanzigerjahre-Kinos zitiert und dabei diverse Genres dieser Zeit von Romanze über Thriller bis hin zu Science-Fiction bedient. Und doch erlaubt man sich hier und da dezente Modernisierungen, so bei der rockig-orchestralen Begleitmusik. Das Ergebnis ist eine herrlich verspielte, tiefe Verneigung junger Polen vor der deutschen Filmgeschichte.

In Zusammenarbeit mit dem Polnischen Institut Berlin - Filiale Leipzig und filmPOLSKA

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Arrhythmia
(Аритмия)
Russland 2017, 116 min, OmU, Regie: Boris Khlebnikov

Oleg ist ein passionierter Notarzt. Er rettet Leben, setzt sich für seine Patienten ein und hilft ihnen so gut er kann. Seine Frau Katja arbeitet als Ärztin in der Notaufnahme des selben Krankenhaues. Sie liebt Oleg, kann es aber nicht ertragen, dass er sich mehr um seine Patienten als um sie kümmert. Sie möchte die Scheidung.
Olegs neuer Chef ist ein kaltschnäuziger Manager, der die Effektivität der Notfalleinsätze steigern möchte und neue, strikte Regeln durchsetzen will. Was Oleg nicht im geringsten interessiert, da er Leben zu retten hat. Der unvermeidliche Ärger bei der Arbeit vermischt sich mit seiner persönlichen Lebenskrise. Zwischen Notrufen, Alkoholexzessen und der Suche nach dem Sinn des Lebens müssen Katja und Oleg herausfinden, was sie eigentlich noch verbindet und ob sie den Stillstand ihrer Beziehung überwinden können.
Der Filmtitel „Arrhythmia“ (Herzrhythmusstörung) steht für die außer Kontrolle geratenen gesellschaftlichen und privaten Entwicklungen unserer Gegenwart, die universell wiederzufinden sind. Der gesellschaftskritische Film beginnt als Satire und wird zunehmend ernster, je weiter die Ökonomisierungen des Krankenhaus-Chefs fortschreiten, die dem Berufsethos der Ärzte entgegenstehen. Boris Khlebnikov erzählt mit großer Menschlichkeit, setzt leisen Humor neben bitteren Sarkasmus und lässt sein junges Paar um seine Würde und Liebe kämpfen und über sich hinaus wachsen.

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Tagebuch eines Lokführers
(Dnevnik masinovodje)
  Serbien/Kroatien 2016, 85 min, OmeU, Regie: Miloš Radović

Ilija ist Lokführer und stammt aus einer Eisenbahner-Familie in dritter Generation. Nun steht er kurz vor seinem Ruhestand. Im Laufe seines Berufslebens war er am Tod von 28 Personen – Selbstmörder, Obdachlose oder unachtsame Personen – beteiligt und ist damit Rekordhalter unter seinen Kollegen. Zusammen mit seinem Vater kommt er auf 53 Tote, auf 66 mit denen seines Großvaters. Anständig verteilt er Blumen auf die Gräber seiner Opfer und verarbeitet die Unfälle längst besser als sein psychologischer Beistand.
Nun will sein Adoptivsohn Sima ebenfalls Lokführer werden und Ilija gelingt es nicht, ihn davon abzubringen. Nach bestandener Prüfung wünschen alle dem Jungen schnell seinen ersten Toten, damit er das Schlimmste hinter sich bringt. Doch der will nicht kommen und Simas Anspannung steigert sich ins Unerträgliche. Es wird Zeit für Ilija, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.
So makaber die Geschichte ist, so liebenswert sind ihre Figuren. Der Film nimmt stetig Fahrt auf und nähert sich auf charmant-witzige Weise dem ernsten Thema an. Heraus kommt eine rabenschwarze Komödie, die diesen Titel wirklich verdient. Bei den Filmfestivals in Moskau, Sarajevo und Wien gab es dafür Publikumspreise. Aber die Oscar-Academy konnte wohl nicht darüber lachen und der Film blieb ohne Nominierung für den „Auslandsoscar“.

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Cold War - Der Breitengrad der Liebe
(Zimna wojna)
  Polen/UK/Frankreich 2018, 89 min, OmU, Regie: Paweł Pawlikowski

Während des polnischen Wiederaufbaus ist der begabte Komponist Wiktor auf der Suche nach traditionellen Melodien für ein neues Tanz- und Musik-Ensemble. Unter seinen Studentinnen ist auch die hinreißende Sängerin Zula. Die beiden verlieben sich ineinander, ihre Leidenschaft scheint keine Grenzen zu kennen. Als das Repertoire des Ensembles zunehmend politisiert wird, nutzt Wiktor einen Auftritt in Ostberlin, um in den Westen zu fliehen. Zula bleibt der verabredeten Flucht fern und doch führt das Schicksal die beiden Liebenden Jahre später erneut zueinander.
Zwischen Heimat und Exil, zwischen Leidenschaft und Verlust sind Frankreich, Jugoslawien und Polen die Schauplätze der fatalen Liebe eines Paares, das vor dem Hintergrund des Kalten Krieges ohne einander nicht leben kann und miteinander fast keinen Frieden findet.
In seinem nächsten Meisterwerk nach „Ida“ erzählt der Oscar®-Preisträger Paweł Pawlikowski von der schier unbändigen, zutiefst menschlichen Kraft der Liebe. In so magischen wie sinnlichen Schwarzweiß-Bildern des Kameramannes Lukasz Zal („Ida“, „Loving Vincent“) überzeugt „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ mit einer überragend starken Liebesgeschichte, die in ihrer Unerbittlichkeit und brillanten Intensität sehr lange nachwirkt.

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Lemonade
(Lemonade)
  Rumänien/Kanada/Deutschland 2018, 88 min, OmU, Regie: Ioana Uricaru

Krankenpflegerin Mara aus Rumänien hat während eines Arbeitsaufenthalts in den USA geheiratet. Gemeinsam mit Ehemann Daniel, den sie als Patienten kennenlernte, wartet sie nun auf die Green Card. Ihren kleinen Sohn Dragos aus einer früheren Beziehung hat sie bereits in die Staaten geholt. Doch das Einbürgerungsprozedere gestaltet sich schwierig, und Mara erkennt immer mehr, dass das Amerika ihrer Vorstellung wenig mit der Realität zu tun hat. Nachdem ein zuständiger Beamter der Einwanderungsbehörde ihre Notlage ausgenutzt hat, scheint die Situation fast ausweglos. „Sogar die Menschen, die die USA hassen, wollen hier leben.“ Immer wieder bekommt die Heldin diese Aussage zu hören, und ihre eigenen Erfahrungen sind von einer ähnlichen Ambivalenz geprägt.
Regisseurin Ioana Uricaru behandelt in ihrem, auf wahren Begebenheiten beruhenden, ersten Langfilm Themen wie Machtmissbrauch, Korruption und Patriotismus. Zwar erweist sich Mara als starker, mutiger und willensstark angelegter Charakter. Dennoch droht sie in stillen Momenten hin und wieder unter der Last der beständigen Diffamierung zusammenzubrechen. Sensibel und überzeugend spielt Malina Manovic die Mara, die trotz aller Widrigkeiten dabei bleibt:
„Wenn das Leben dir eine Zitrone gibt, mach Limonade draus.“

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November
(November)
  Estland/Niederlande/Polen 2017, 115 min, OmU, Regie: Rainer Sarnet

In Estland werden im Schnitt pro Jahr sechs Kinofilme produziert. Rainer Sarnet ist der führende Kopf dieser kleinen Filmwelt. Der wichtigste aktuelle Schriftsteller Estlands ist Andrus Kivirähk, dessen Romane schon in Dutzende Sprachen übersetzt wurden. Sein 2000 erschienenes Buch „Rehepapp“ hat Sarnet nun unter dem Titel „November“ verfilmt. Der titelgebende Monat November ist in seiner Düsternis und feuchten Kälte der passende Rahmen für diesen mehr märchenhaften als blutigen Horrorfilm. Sarnet hat dieses dunkle Erwachsenen-Märchen in hypnotischen und kontrastreichen Schwarzweiß-Bildern kongenial in Szene gesetzt.
Herbst in einem Dorf in Estland. Werwölfe, böse Geister und die Pest treiben hier im 19. Jahrhundert ihr Unwesen, während die Bauern versuchen, den anstehenden Winter zu überleben. Und dafür ist jedes Mittel recht! Es wird gestohlen, betrogen, die Menschen verkaufen ihre Seelen. In dieser sonderbaren Welt treffen sich zwei junge Menschen und erleben einen Monat voll seltsamer Ereignisse.
„Mystik inspiriert mich sehr. Sie ermöglicht es, die Grenzen der Filmsprache zu erweitern, anders zu denken, etwas anderes zu machen, frei von Regeln.“, erklärt Regisseur Sarnet. Sein Markenzeichen sind Filme zwischen surrealer Ästhetik und estländischer Folklore und seine Filmbilder erinnern an das Kino von Andrej Tarkowski oder Bela Tarr.
„Ein Kultfilm von morgen.“ (goEast)

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Das Bolschoi
(Большой)
  Russland 2016, 120 min, OmU, Regie: Nikolaj Chomeriki

Julka ist ein Mädchen aus einer Bergbaustadt. Nach dem Tod ihres Vaters läuft sie von zu Hause weg, um eine Ballerina zu werden, so wie er es sich gewünscht hat. Aus der Provinz kommt sie nach Moskau und wird an der berühmten Ballettschule des Bolschoi-Theaters aufgenommen. Der Weg zu Anerkennung und Erfolg ist hart, doch Julka hat Talent und kämpft ehrgeizig für ihr Ziel. Auf ihrem Weg wird sie von einer erfahrenen älteren Mentorin unterstützt. Ihre beste Freundin beim Ballett ist zugleich auch ihre größte Konkurrentin – in der Liebe wie auch auf der Bühne. Einer von beiden winkt als Lohn für jahrelanges hartes Training die Hauptrolle, natürlich ist es Tschaikowskis Schwanenprinzessin. Julka kämpft gegen scheinbar unüberwindbare Hürden und muss sich entscheiden: die Notlage ihrer Familie zuhause droht ihren großen Traum zu zerstören, als er zum Greifen nah ist.
Packend erzählt „Das Bolschoi“ die Geschichte von Julka über mehrere Jahre hinweg, begleitet sie durch Höhen und Tiefen, lässt sie reifen, ihre Ängste überwinden und zum Sprung ihres Lebens ansetzen, um sich selbst zu befreien und den Mythos ihrer übermächtigen Mentorin hinter sich zu lassen. Es ist eine Geschichte über einen Traum und über den steinigen Weg, um diesen Traum wahr werden zu lassen. „Das Bolschoi“ ist großartiges und mitreißendes Kino, mit vielen starken Momenten und unverhofften Wendungen und mit gut herausgearbeiteten und gespielten Haupt- und Nebenfiguren.

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